Am Ende wird alles gut!

Ort: Neuss Innenstadt

Zeitpunkt: gestern morgen, 9:00 Uhr

Nehmen Sie Platz, sagt er, als ich sein Zimmer betrete. Er steht mit dem Rücken zur Tür und schaut aus dem Fenster. Ich setze mich auf einen der beiden Stühle vor seinem Schreibtisch, da dreht er sich um und sagt: nein, nicht auf diesen, auf den anderen.

Ich schaue ihn verwirrt an. Kein Guten Morgen? Er blickt nicht einmal hoch, sondern auf die Akte auf seinem Schreibtisch. Ich verstehe es nicht, aber setze mich auf den anderen Stuhl. Schließlich wird er über mein weiteres Leben und meine Zukunft entscheiden. Ich sage zu mir selbst: Doris, halt den Ball flach, und atme tief durch. Om…..

Was wollen Sie hier? Ich: Wie bitte? Ja, weswegen sind Sie hier? Ich: ich folge einer Einladung der Deutschen Rentenversicherung. Wieso? Er macht mich jetzt schon komplett kirre. Weil ich einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente gestellt habe.

Wie kommen Sie zu der Annahme, dass Sie Anrecht auf eine Rente haben? Krankheiten!

Ich: Wie bitte?

Ja, welche Krankheiten?

Da platzt mir der Kragen. Ich frage: Soll ich wieder gehen? Sie nehmen mich weder wahr noch haben Sie Interesse an mir als Mensch. Sie schauen mich nicht einmal an, wenn Sie mit mir sprechen. Da hebt er zum ersten Mal den Kopf und sagt: Ich brauche Sie nicht wahr zu nehmen, ich bin nur der Gutachter.

Okay, das war’s – ich hab’s vergeigt. Ich bin nicht nett und freundlich bin ich jetzt schon gar nicht mehr, und so wie das aussieht wird er mich auf meinem Weg in die vorzeitige Rente nicht unterstützen.

Dieses ganze Spiel dauert cirka eine Stunde. Zum Schluss sagt er noch: Sie sind aufsässig! Das steht auch in dem Entlassungsbericht der Reha-Klinik. Patientin ist aufsässig und wütend. Ach – wär ich von selbst bestimmt nicht drauf gekommen.

Diese ganze Art und Weise, wie Menschen hier behandelt werden, zieht sich wie ein roter Faden durch meine Geschichte. Egal, ob es die Krankenversicherung ist, die Rentenversicherung, die Ärzte aus der Reha-Klinik oder er hier jetzt, Gutachter für die Deutsche Rentenversicherung in Neuss, „Sozialmediziner“, es herrscht ein Tonfall, den ich so gar nicht kenne, und ganz selten in meinem 40-jährigen Berufsleben erlebt habe.

Im Anschluss an „diese Geschichte“ bin ich erst einmal eineinhalb Stunden durch den strahlenden Sonnenschein und durch „mein Feld“ gewalkt, mein Hund leicht irritiert hinter mir her, denn so schnell – vor lauter Energie – hat er mich auch nicht so oft erlebt.

Ich habe für mich die Entscheidung getroffen: egal, was jetzt kommt, ich nehme es an, ich akzeptiere es, und dann sehe ich zu, dass ich das Beste daraus mache.

Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende 🙂

Vollmond, Weihnachtsmarkt und andere Begebenheiten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Heute war ich mit einer Freundin zum Glühweintrinken verabredet. In Neuss auf dem Weihnachtsmarkt. Treffpunkt: der „Glühweinstand mit Herz“.

Schon auf der Fahrt in die Stadt dachte ich, dass die Menschen an Vollmond anders Auto fahren. Mehrmals wurde mir die Vorfahrt genommen, aber ich hatte gute Reaktionen und es ist nichts passiert. Vielleicht hat das alles aber auch gar nichts mit dem  Dezember-Vollmond zu tun, und die Menschen sind einfach im Vorweihnachtsstress, überlegte ich während der Fahrt. Kann ja durchaus sein. Ich bin es definitiv nicht.

Nach unserem Glühwein sind wir über den zugegebenermaßen sehr überschaubaren Neusser Weihnachtsmarkt geschlendert, haben hier und dort geschaut. Menschentrauben vor den Würstchen- und Reibekuchenbuden, an den Glühweinständen, aber an den anderen Ständen war überhaupt nichts los. Mit ein paar Ausstellern kam ich auch gleich ins Gespräch, die sich darüber beklagten, dass in diesem Jahr überhaupt nichts gekauft wird. So zwei junge Männer, die Strickwaren aus Schafswolle anbieten. Da bin ich ja gleich neugierig, bin ja selbst Strickerin aus Leidenschaft (mein nächstes Stück – ein Strickkleid in Orange ist gerade in Arbeit und macht gute Fortschritte) und habe mich erkundigt, wo die Sachen – Mützen, Schals, Jacken, Pullover – denn herkommen. Die beiden Männer haben mir erklärt, die kommen aus Katmandu. Dort haben sie schon vor vielen Jahren auf ihren Reisen zwei Familien kennengelernt, die für sie stricken. Was ich durchaus glaube, denn die Beschaffenheit der Wolle und die Muster sind schön, aber keineswegs „europäisch“. Sie beklagen sich: die Besucher haben kein Problem damit, für Glühwein und Würstchen 20 Euro auszugeben, aber 10 Euro für eine Mütze ist ihnen dann doch zu viel, und sie wollen dann auch noch handeln. Die „Jungs“ sind total frustriert und sagen, solch einen Weihnachtsmarkt hatten sie noch nie!

Trotz des schönen Winterwetters – 4 Grad und Sonnenschein – will noch keine Weihnachtsstimmung aufkommen. Die Stadt ist zu voll und zu hektisch, überall wird gerempelt, und mehrmals muss ich selbst „Tschuldigung“ sagen, weil ich jemandem in die Hacken laufe, der plötzlich stehenbleibt oder dem ich sonstwie zu nahe komme wegen des Gedränges.

Und dann fahre ich in mein Dorf zurück und da ist sie wieder: die Ruhe, die Besinnlichkeit. All die schön geschmückten Häuser und Balkone, Lichterketten, die Leute haben sich in diesem Jahr wirklich noch mehr Mühe gegeben als sonst. Vielleicht, weil sie das brauchen, in dieser hektischen Zeit. Ein schönes Zuhause und Geborgenheit, ein Ort, an dem man sich wohl fühlen kann. Ein Ankerplatz.

Ich wünsche Dir einen schönen 3. Advent!

Bildquelle

 

 

Frauen 50 plus

Viele Frauen um die oder über 50 sind ungebunden, auf der Suche, und wollen noch einmal eine Veränderung, auf allen Gebieten und in allen Bereichen. Ehrlich – ich persönlich kenne keine die sagt: das ist es, hier bin ich angekommen, und hier BLEIBE ich (das liegt natürlich daran, dass ich selbst diesen Frauentyp verkörpere).

So wie meine Nachbarin, die vor vier Jahren – nur wenige Wochen nach mir – in dieses Haus eingezogen ist und seitdem über mir wohnt. Frisch getrennt nach langjähriger Ehe, die Kinder erwachsen, kam sie hierher, und seither ist sie auf der Suche nach ihrer Erfüllung, ihrem Lebensplan.

Sie hatte nach der Geburt ihrer Kinder nicht mehr gearbeitet, sondern „ihrem Mann den Haushalt geführt und ihm alles Recht gemacht“, wie sie immer so schön sagt, und auf diesem Weg selbst verloren, was sie einmal ausgemacht hat, als Persönlichkeit. Sie wollte so gerne wieder arbeiten, aber in all den Jahren hat sie keine Arbeit gefunden, als was denn auch, sie hätte es nicht einmal selbst umschreiben können, so viel Zeit war seit ihrem letzten Job vergangen.

Im Gegenteil zu mir reist sie sehr gerne, und macht immer die abenteuerlichsten Exkursionen ganz alleine, wo ich dann vor „Ehrfurcht erstarre“, weil ich gar nicht den Mut dazu hätte. Nun hat sie aber endlich etwas gefunden, wo sie hin möchte, was sie tun möchte, vor ein paar Monaten erzählte sie mir zum ersten Mal mit leuchtenden Augen davon:

Von Granny Aupair! Das ist eine Organisation, die junge Frauen 🙂 über 50 an Familien im Ausland vermittelt, die anstatt eines jungen Mädels lieber eine gestandene Frau als Betreuung für ihre Kinder hätten.

Und so kommt es, dass meine Nachbarin im Januar nach Bilbao fahren wird, um ein Jahr lang das Kind einer spanischen Familie zu betreuen. Ihre Wohnung hat sie schon gekündigt, ihre Möbel wird sie im Neusser Hafen in einem Container einlagern, und dann ist sie für ein Jahr quasi „mal weg“.

Ich bin wirklich neugierig, wie sich alles für sie entwickeln wird und finde, dass dies ein sehr mutiger Schritt ist.