Der Bus aus Polen


Was ich nicht wusste:
alle zwei Wochen kommt aus Polen ein Bus am Grevenbroicher Bahnhof an. Unglaublich. Alleine die Tatsache, per Bus quer durch Europa zu reisen, ist mir niemals in den Sinn gekommen. Aber die Busse kommen natürlich nicht nur in Grevenbroich an, sondern auch in allen anderen Städten Deutschlands.

Am 4.1.2012 (uups – das nächste Jahr steht ja bereits vor der Tür) wird sie ANKOMMEN! Aus Polen. 57 Jahre (genauso alt oder jung wie ich selbst – das kommt auf den Blickwinkel an – Dr. der Chemie – seit vielen Jahren spezialisiert auf private Altenpflege – da es in ihrem Land für sie keine Stelle in ihrem Beruf gibt), und sie wird die Betreuung meiner Mutter übernehmen. Ich freue mich. Erst einmal für meine Mutter, dass sie nie mehr alleine sein muss, was sie ja so fürchtet in ihrem riesengroßen Haus, und dann auch für uns, meinen Bruder und mich, denn diese Frau wird uns viel von unserer Sorge und den Alltagsproblemen abnehmen.

Meine Mutter ist in der glücklichen Lage, sich das LEISTEN zu können. Meine Eltern haben wirklich hart gearbeitet, ihr Leben lang, hatten immer Ziele, und zwar gemeinsame, haben viel gespart, und bekommen eine wirklich sagenhafte Rente. Selbst mir ihren 60 Prozent Rente von meinem Vater könnte man durchaus sagen, meine Mutter ist aus heutiger Sicht eine wohlhabende Frau.

Ich find das alles gut, ich find das alles toll, ich bin überglücklich, dass wir diese Lösung und offenbar die passende Frau gefunden haben, aber jetzt mal ganz ehrlich: wieso müssen da Frauen aus Polen oder überhaupt aus dem Ostblock bei uns anreisen, um unsere Eltern zu pflegen? Gibt es in Deutschland keine Frauen, die sich der professionellen Pflege von alten Menschen widmen können? Verstehe ich beim besten Willen nicht!

Ich wünsche mir sehr, dass ich es bin, die sie vom Bahnhof abholen wird. Ich glaube und fühle, dass von Frau zu Frau ein besonderes Verhältnis möglich sein wird. Eine fremde Frau, die meine Mutter pflegt und betreut, das ist erst einmal ein komisches Gefühl für mich. Eigentlich – ich bin ja die Tochter – müsste ich das doch tun! Nach den Vorstellungen unserer Gesellschaft. Aber ich kann das nicht, ich möchte es nicht, ich möchte für mich selbst und für mein eigenes Leben sorgen. Ich habe zwei Kinder groß gezogen, ohne Vater, und das langt mir. (Ich rechtfertige mich gerade – ist das blöd?) Und ich möchte meine eigenen Wege weiter gehen. Ohne meine Mutter. Ohne meine Kinder. Ohne meine Enkelkinder. Nur ich allein. Das ist so wichtig für mich, das ist lebensnotwendig für mich, und es ist an der ZEIT!

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6 Gedanken zu „Der Bus aus Polen

  1. Liebe Dori,

    ich kann dich gut verstehen. Mit dieser Lösung ist allen geholfen. Deine Mutter kann es sich leisten, kann in ihrem gewohnten Umfeld bleiben, die Frau hat einen gut bezahlten Job und du, die du deine Mutter sicher weiterhin viel besuchen wirst, hast eine große Entlastung. Und du hast ein Recht auf dein eigenes Leben. Ich finde diese Lösung optimal.
    Möglicherweise haben wir zu wenige Altenpflegerinnen, die selbständig arbeiten. Die Frage kann ich dir nicht beantworten.

    Manches fügt sich immer wieder von ganz alleine.
    Ich schicke dir liebe Grüße,
    Anna-Lena

    • Liebe Anna-Lena,
      ich selbst finde diese Lösung auch perfekt – für alle Beteiligten.
      Ich glaube auch, dass die Nachfrage nach privaten Pflegekräften in den nächsten Jahren noch immens ansteigen wird, es gibt immer mehr alte Menschen in unserer Gesellschaft.
      Du hast Recht – manches fügt sich wirklich von ganz alleine 😉
      Liebe Grüße für Dich von Dori

  2. Liebste Dori,

    ja, es ist an der Zeit, dass alles sich so fügt, dass du Zeit für DICH hast!
    Ich freue mich von Herzen mit dir!
    Vor allem auch, weil es ein Thema ist, das mich auch vielleicht bald schon beschäftigen wird… und meine Mama sich immer noch wünscht, von einem ihrer Kinder gepflegt zu werden… *seufz*

    Allerliebste Herzensgrüße zu dir,
    Elisabeth

    • Liebste Elisabeth,
      das hat sich meine Mutter auch immer gewünscht, von ihren Kindern. ICH wünsche es mir von meinen Kindern nicht. Ich möchte meine Mutter auch nicht pflegen, ich möchte mein eigenes Leben führen. Und das präsentiert sich gerade mit Möglichkeiten, von denen ich nie geträumt hätte. Ich freue mich so.
      Meine Ma kommt Anfang Januar nach Hause, hat eine 24-Stunden-Betreuung, und ich bin frei!
      Herzallerliebste Sonnengrüße von Dori 😀

  3. Liebste Dori, das ist ja grossartig, das das so geklappt hat. Ich habe Freunde, die haben sehr gute Erfahrungen mit polnischen Pflegekräften gemacht, das wird bestimmt sehr gut laufen. Und Deine Rechtfertigung kann ich gut verstehen, irgendwie ist da ein Stück schlechtes Gewissen. Auf der anderen Seite, Du bist auch nicht ausgebildet, einen kranken Menschen zu pflegen und Du hast Dir diesen Beruf auch nicht ausgesucht. Und früher lebten die alten Menschen mit in der Familie und „liefen so mit“… das war eben anders und heute machen wir es so, wie wir es können… Du wirst ja Deine Mutter weiterhin häufig besuchen und Dich kümmern, das ist doch klar… Alles alles Liebe und viel Glück wünscht Dir von Herzen Andrea

    • Danke liebste Andrea,
      ich habe ein toootal gutes Gefühl. Und wenn du mein heutiges Post liest, dann weißt Du in etwa, wo mich der Weg hinführen wird. Die Resonnanz ist großartig, ich bin gespannt, wie es sich entwickeln wird. Ich habe da so eine Vision 🙂
      Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht. Ich muss für meinen Lebensunterhalt sorgen. Ich habe mich jetzt eine Weile intensiv um meine Mutter und meine Enkelkinder gekümmert, aber jetzt muss es wieder vorwärts gehen. Und Kinder liegen mir sowieso sehr am Herzen, nicht nur die eigenen. Und eine Familie hat sogar einen Hund, den sie vor vier Wochen von Teneriffa geholt haben, ist das nicht irre? Wo ich doch Hunde so sehr liebe? Ich freue mich wirklich auf die vor mir liegende Zeit, und Dich umarme ich von Herzen,
      Dori 🙂

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