Eigentlich….

Niemals

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eigentlich hatte ich heute ganz andere Pläne – aber dann bin ich ganz spontan hingefahren. Ich hatte das Bedürfnis.

Eigentlich habe ich mich daran gewöhnt, bei ihrem Anblick in eine Art Depression zu geraten, wovon ich mich mindestens zwei Tage lang danach nicht befreien kann.

Eigentlich würde ich am liebsten überhaupt nicht hinfahren, nur um mir diesen Anblick zu ersparen. Aber das geht ja schlecht, ich bin ja immerhin ihre Tochter.

Eigentlich bin ich völlig hilflos und völlig machtlos und völlig planlos.  Eigentlich geht es meinem Bruder genauso und eigentlich wissen wir im Augenblick nicht, was wir  noch tun können.

Eigentlich hatte sie noch nie viel Lebensfreude, aber seit drei Jahren, seit ihr Mann tot ist, gar keine mehr.

Eigentlich möchte sie einfach nur noch sterben. Hätte sie nicht diese fürchterliche Angst vor dem Tod, hätte sie es auch längst getan.

Eigentlich hatte sie ein leichtes Leben (aus meiner Sicht) – sie hat es gehasst.

Eigentlich hatte ich ein schweres Leben (aus meiner Sicht) – ich  habe es immer geliebt – und ich werde es immer lieben. Ich durfte so unendlich viel lernen.

Eigentlich habe ich Angst davor, genauso zu sein oder zu werden wie sie.

Eigentlich glaube ich, das ist der eigentliche Grund, warum ich mit dieser Situation überhaupt nicht umgehen kann.

 

15 Gedanken zu „Eigentlich….

  1. Liebe Dori, all das kenne ich in etwa auch. Ein Leben gelebt zu haben, was einem nicht gefallen hat, ist wohl das Schlimmste, was ein Mensch von seinem Leben behaupten kann. Ich glaube nicht, das Du Angst zu haben brauchst, das es Dir genau so geht. Du korregierst, was Dir nicht gut tut, und das ist es doch, wozu wir die Sinne und unseren freien Willen bekommen haben.
    Kannst Du Deiner Mutter nicht ein wenig von der Angst vorm Sterben nehmen? Nicht gehen zu können, vor lauter Angst, arme Mama. Glaubt sie, mit dem Tod sei alles zu Ende?
    Nachdenkliche Grüsse an Dich
    Anita

    • Nein leider nicht liebe Anita. Der Zustand meiner Mutter hat sich im Laufe des letzten Jahres so drastisch verschlimmert, hinzu kommt die Demenz, die immer weiter fortschreitet und es ihr kaum noch ermöglicht, im Hier und im Jetzt zu sein. Sie ist nicht mehr erreichbar. Und mein Bruder und ich sind machtlos und wissen nicht, was wir tun sollen und tun können. Aus ärztlicher Sicht müsste sie jetzt ins Krankenhaus, aber möchte sie das? Dort wieder für ein paar Wochen „aufgepäppelt“ werden? Ich bin zur Zeit sehr sehr nachdenklich.
      Liebe Grüße, Dori

  2. Liebe Dori,
    ich glaube nicht, dass Du wirst wie sie. Der wichtigste Grund : Du liebst das Leben und Du erkennst, was Dir nicht gut tut.
    Eine schwierige Entscheidung mit Deiner Mama…. ich drücke die Daumen, dass Ihr das Richtige für sie herausfindet.
    Ich schickt Dir ein Drückerchen und liebe Grüße
    Carina

    • Danke liebe Carina, ich bin gerade selbst ganz erstaunt, was „das“ mit mir macht. Irgend etwas ist da noch nicht aufgelöst – Ich werde hinschauen. Die Entscheidung ist gefallen, in Zusammenarbeit mit dem Hausarzt, und wir wollen alle hoffen, dass sie sich friedvoll verabschieden kann.
      Von Herzen, Dori

  3. Eigentlich hast du alles für sie getan und das weißt du auch.
    Eigentlich kannst du dankbar sein, sie so lange gesund erlebt zu haben.
    Eigentlich haben wir kein Recht, unsere Maßstäbe an andere anzulegen und doch tun wir es.
    Eigentlich musst du lernen, sie loszulassen, aber du würdest sie gern in die Welt zurückholen, in der sie gesund war.
    Eigentlich bist du hilflos, aber du würdest ihr gerne mehr helfen.

    Ich kann dich sehr gut verstehen, liebe Dori und wünsche dir viel Kraft,
    Anna-Lena

    • Tolle Worte, liebe Anna-Lena, Du hast es genau auf den Punkt getroffen. Das ist es, was mich im Moment so wuschig macht. Es liegt alles außerhalb meiner Macht und Kontrolle, ich muss loslassen, und ich kann es (noch) nicht.
      Danke und Herzensgrüße, Dori

      • Es wird mir mit meiner Mutter auch mal so gehen. Sie ist noch fit mit knapp 79, aber ich merke, dass sie anfängt abzubauen und das Loslassen ist ein Gedanke, den ich immer noch sehr weit weg schiebe…

  4. Liebe Dori,

    ja, unsere Eltern sind was unsere Prägung angeht die maßgeblichen Lehrer. Wer denn sonst. Und ja, wir haben viele Anteile von ihnen übernommen und sie sind in unserer Grundstruktur verankert.

    Verändern kann ich diese Grundstrukturen, wenn ich sie erkenne, mich mit ihnen auseinander setze, sie annehme und die positve Seite schätze. Ich habe erfahren, alles im Leben ist für etwas gut.

    Wenn ich das, was gut war nicht mehr brauche, kann ich neue Verhaltensweisen annehemen. So wie ich dich wahrnehme, bist du auf dem Pfad des Erkennens und ich glaube, das bedeutet Veränderung 😉

    viele Grüße
    MachDichGlücklich
    Thomas

    • Lieber Thomas,
      da bin ich ja schon sehr lange drauf – auf diesem Pfad. Ich glaube, der hört nie auf 😉
      Ja Du hast sicherlich Recht – es bedeutet mal wieder Veränderung.
      Danke für Deinen Kommentar – sonnige Grüße von Dori

  5. Ich glaube es dir, liebe Dori, dass du mit der Situation nicht umgehen kannst. Das ging mir vor vielen Jahren genau so. Als meine Mutter starb, meinte mein Vater, dass er jetzt Kochen lernt, und nähen , und … und… Er war total überfordert, denn er hatte sich nie um irgendetwas kümmern müssen. Dann brach sein Lebenwille weg. Wir hatten so viel wie möglich organisiert, damit er es angenehm hatte, aber er wollte nicht. Eines Tages wollte er nicht mehr aufstehen, dann aß er nichts mehr und als ich ihn reden hörte, horchte ich an der Tür. „Grete, ich komme!“, murmelte er immer wieder vor sich hin. Ich holte Notärzte, weil ich nicht wollte, dass er verhungert, aber die nahmen mich zur Seite und meinten, dass er das nicht tut. Für mehr Worte und Begleitung war keine Zeit. Ich hab das damals alles nicht verstanden. Hab meinen Vater angeschrien, was mir heute noch sehr leid tut. Heute würde ich alles tun, um ihm sein Leben angenehm zu machen, ich würde aber auch jeden Willen respektieren.

    Liebe Dori, ich wünsche dir ganz viel Kraft in der nächsten Zeit.

  6. Liebe Dori

    Immer wieder heißt es loszulassen…….manchmal dauert dieses Loslassen etwas länger, weil Dinge erstmalig passieren und wir nicht immer gleich wissen, damit umzugehen. Gerade das Alter der Eltern…..und auch irgendwann der Abschied….sind Erfahrungen, die mir meine eigentliche Endlichkeit bewusst gemacht haben. Wir lernen nie aus……gehen unseren Weg….sowie es auch der Weg Deiner Mutter ist……..nicht Dein Weg, aber dennoch…..gerade als Kind zieht man immer wieder Parallelen.

    Viel Kraft und Mut in der nächsten Zeit! Alles Liebe *Karin*

  7. Liebste Dori,

    oh, sehr stark, sehr berührend… ich kenne das nur zu gut… ähnlich…
    Eigentlich ist es ihr Leben und sie ist für sich selbst verantwortlich. Dennoch seid ihr verbunden und ich verstehe deine Angst nur zu gut. Ich bemerke immer wieder, dass da etwas ist, was ich selbst ablehne, aber ich bin dankbar dafür, dies erkennen zu dürfen. Noch kann ich etwas tun und anders agieren und denken…

    Ich wünsche dir viel Kraft!

    Herzlichst, Elisabeth

  8. Liebe Dori
    Danke für diese schönen und wahren Worte die mir wieder einmal zeigen, wie zerbrechlich unser Lebe ist. Das was Du zur Zeit erlebst habe ich, mit meiner Mutter vor fast auf den Tag genau, vor drei Jahren auch erlebt. Das Nicht loslassen können, die Angst, die Wut ; auf uns Kinder, das beschuldigt werden, all das tut weh. Auch meine Mutter war fast nicht mehr erreichbar, dann ist uns die Erinnerung gekommen, dass meine Mutter klassische Musik von den grossen Meistern liebte und wir haben ihr Tag und Nacht ihre Musik gespielt und eines Tages ist sie friedlich eingeschlafen.
    Liebe Dori ich wünsche Euch viel Kraft. Mut und Gelassenheit und viel Liebe.
    Liebe Grüsse Erwin

  9. Liebe Dori,
    man liest garnichts mehr von Dir und dass nun schon sehr lange!! Geht es Dir gut??
    Lieben fragenden Gruß
    Angelika

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