Neue Wege gehen

09.06.2013 008

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die „Leistungsideologie“ ist berufen, Leistungsbereitschaft und Hebung der Arbeitsmoral zu fördern, insbesondere indem Hoffnungen auf sozialen Aufstieg wach gehalten werden – Wikipedia 

Machen Sie sich doch einmal von Ihrer Leistungsideologie frei, sagt der alte Herr, und schaut mich mit schief gelegtem Kopf stirnrunzelnd an. Sie müssen nicht ständig etwas „leisten“.

Schon wieder eine Aufgabe, an der ich zu knacken habe. Wieso soll ich jetzt auf einmal nichts mehr leisten müssen? Bisher war das doch immer so. Glaubte ich zumindest.

Kaum saß ich einmal mit einem Buch auf dem Sofa, hatte ich sogleich ein schlechtes Gewissen und mir fielen tausend Dinge ein, die es eigentlich dringend zu erledigen galt. Und schon sprang ich wieder auf um etwas zu „tun“. Kein Wunder, dass ich Anfang des Jahres an einem Punkt angekommen war, wo im Prinzip kaum noch etwas ging. Hinzu kam die bedrückende Situation mit meiner Mutter, und abgesehen davon, dass ich überhaupt keine Zeit mehr hatte, etwas für mich zu tun – wobei sich die Frage stellt: wie tut man denn etwas für sich nach so vielen Jahren, wo man nichts für sich getan hat – fehlte mir auch jegliche Lebensfreude, weil es ja so kam, wie es kommen musste.

Nachdem ich alle „Verpflichtungen“ erst einmal gestoppt hatte und meine Mutter verstorben war, fiel ich in ein tiefes tiefes Loch. Es ging mir wirklich nicht gut, ich hatte keine Aufgaben mehr und verfiel sofort wieder in blinden Aktionismus, um die entstandenen Freiräume mit Dingen und im Außen zu füllen. Ich hatte das Gefühl, dringendst ein neues Projekt zu benötigen, damit ich mich wieder besser fühlte.

Und dann kam dieser Satz von einem alten Herrn, an dem ich mich beinahe verschluckt hätte, so unverdaulich erschien er mir, und der ganz langsam, Millimeter für Millimeter, in mein Unterbewusstes drang. Mich FREI machen von Leistungszwängen. Ich, die ich mir doch mein Leben lang Liebe und Anerkennung immer über die Leistung „erwirtschaftet“ hatte.

Es war und ist wirklich nicht einfach für mich, diese neue Herausforderung zu bewältigen. Dieses innere Gefühl der Nervosität, des nicht Wertvoll-seins, weil ich keiner „geregelten Arbeit“ mehr nachgehe, und die damit einhergehenden Schuldgefühle machen mir immer noch ziemlich zu schaffen.

Inzwischen geht es mir jedoch schon wieder viel besser. Ich habe angefangen, zu Fuß den Wald hier (Knechtstedener Wald) zu erkunden. Die Mila und ich laufen quer waldein, was wir sehr genießen – der Hund sowieso – und ich auch. Früh morgens sehen wir immer Rehe, die durch den Wald springen, oder einfach auch mal auf dem Weg stehen, und uns beobachten. Ganz zu schweigen von all den anderen Tieren (und auch Bäumen, Pflanzen und Sträuchern, die es zu entdecken gibt).

08.05.2013 016

Wir haben sogar ein Wasserloch gefunden, ganz versteckt, mitten im Wald, wo natürlich auch andere Hundebesitzer mit ihren Hunden anzutreffen sind, vor allem bei dem warmen Wetter der letzten Tage. Oft treffen wir unterwegs ganz viele nette Menschen, aber genauso oft sind wir auch mutterseelenallein und treffen niemanden.

Anfangs hatte ich noch die Befürchtung, mich zu verlaufen, was auch des Öfteren geschehen ist.

Aber das Schöne ist, man findet irgendwie immer wieder zurück, auch wenn man einen Umweg geht. Auch wenn man sich einmal verlaufen hat. 

10 Gedanken zu „Neue Wege gehen

  1. Liebste Dori,

    mal wieder !wundervoll zu „Papier“ gebracht , Deine Erlebnisse, Gedanken und Erfahrungen , an denen ich durch unser letztes Telefongespräch schon ein wenig teilhaben durfte. Es ist so schön, hier nochmal einen Teil davon lesen zu können, da ich so einiges sehr, sehr ähnlich empfinde und erlebe. Es ist nicht einfach diese “ nur wenn ich etwas leiste bin ich anerkannt und liebenswert-Schiene“ zu verlassen, doch es ist der einzige Weg denke ich .
    Ich wünsche Dir von Herzen, daß Du ihn immer wieder „findest „.

    Ganz liebe Grüße
    Sylvia

    • Danke liebste Sylvia,

      im Augenblick „klappt es“ hervorragend. Das Wetter spielt auch noch mit und ich bin viel im Freien. Es ist ein spannender Mix aus Spannung und Entspannung, und ich werde alles tun, um dieses Innere Lächeln und diese Gelassenheit immer wieder zu finden. Ob ich bei mir angekommen bin? Das weiß ich nicht, ist aber auch momentan nicht wichtig, solch eine Behauptung aufzustellen. Wichtig ist, wie ich fühle und WIE ICH MICH FÜHLE!

      Herzlichst, Dori

  2. Hallo Dori,
    den Weg den Du da mit Mila gehst, kennen mein erster Hund und ich auch sehr gut. Ich war schon lange nicht mehr dort. Und genau so ist es auch mit dem Prinzip Leistung. Auch auf diesem Weg gehe ich nur noch selten spazieren. Nur wenn mir etwas richtig Spaß macht, oder ich die Wichtigkeit und Unaufschiebbarkeit erkenne 🙂 . Alles eine Sache der Übung. Manchmal wundere ich mich selbst über mein großes Vermögen, nichts „leisten“ zu wollen. Es macht Freude, nur dann etwas zu machen, wenn Du Lust dazu hast. Es drängt Dich niemand. Sei freundlich mit Dir und hab Geduld beim lernen.
    Liebe Grüsse
    Anita

    • Liebe Anita,

      ob das wohl Lebensabschnittserfahrungen sind? Ob das wohl etwas mit dem Altwerden zu tun hat? Oder mit dem Erlebten?
      Egal wie, es fühlt sich fremd an, neu und sehr sehr wohltuend und schön, und macht mich auch ein bisschen sprachlos.

      Alles Liebe für Deinen weiteren Weg, Dori

  3. Liebe Dori,

    das kenne ich nur zu gut. Im Rahmen meiner Therapieerfahrung musst ich mal vor jeden Gruppenteilnehmer stellen und ihm sagen „Ich bin auch ohne Leistung ein liebevoller Mensch.“ Das ist nun schon über 13 Jahre her und noch heute spüre ich, wie mir meine Eltern im Nacken sitzen und von mir Leistung abverlangen.

    Ich bin stolz darauf das heute sofort zu spüren und dem Einhalt zu geben.

    Gerne gebe ich dir den Satz: „Auch wenn ich nichts tue, bin ich gut so wie ich bin!“

    Hey, wir sind es und DU bist es 🙂

    MachDichGlücklich
    Thomas

    • Lieber Thomas,

      Du hast mit Deiner Aussage „es sitzt mir im Nacken“ mal wieder ins Schwarze getroffen 😉 Ich habe das Gefühl, ich trete nun in einen neuen Lebensabschnitt. Anders kann ich es nicht beschreiben, aber ich denke oft: endlich.

      Liebe sonnige Grüße von Dori

  4. Ja, Dori. Es ist ein neuer Lebensabschnitt und ich glaube, auch das Loslassen und Verabschieden von gewohnten Abläufen (Arbeit, Pflege, der ganze alte Trott….) fällt schwer.
    Wir kennen die „neue Zeit“ noch nicht und müssen uns Schritt für Schritt darein finden und nach und nach Genießen lernen. Was uns bis zum heutigen Tage „verboten“ war, muss wirklich erlernt und angenommen werden.
    Ich freue mich für Dich, dass Du mit Deiner Mila neue Wege gehen kannst.
    Liebe Grüße
    Carina

    • Liebe Carina, genau so ist es.
      Es sind neue Lernaufgaben, und wie wir wissen, scheitern viele Menschen daran, weil sie sich mit den neuen Gegebenheiten nicht abfinden können. Meiner Freundin „graut“ es jetzt schon vor der Rente 😉 Mir nicht. Ich habe so viel zu tun, dass ich es manchmal gar nicht so schaffe, wie ich das gerne möchte. Und auf der anderen Seite bin ich glücklich, nicht mehr diesen strengen Regeln unterliegen zu müssen.
      Ich freue mich auch über die neuen Wege, und ja, das ist ja jetzt erst der Anfang von etwas, was ich noch gar nicht kenne.
      Viele liebe Grüße von Dori

  5. Sätze an denen man sich „beinahe verschluckt“, fördern das umdenken. Bei mir war es der Satz „tja, da musst du dich um dich kümmern“. Der blieb mir heilsam im Halse stecken. Und genau das mache ich nun. Den Übermittler hätte ich am Grillstock grillen mögen, und doch traf er den Kern.
    Liebe Dori, neue Wege sind auch mein Thema grade. Schön das so wundervoll bei Dir zu lesen. Bis jetzt hast Du immer gut wieder heim gefunden und mit Mila gleich doppelt. 🙂 Ach, deine Mila – ich lächle in mich hinein. Ein Begleiter wünsche ich mir täglich mehr.

    • Liebe Mia, das war wirklich eine der richtig guten Lebensentscheidungen von mir 🙂 Wobei ja mir nicht so wohl gesonnene Menschen die Meinung kundtun, ich „verstecke“ mich hinter meinem Hund 😉 Natürlich sind das „hundelose“ Menschen, daher lege ich gar keinen Wert auf solche Meinungsäußerungen (um die ich sowieso nicht gebeten hatte).
      Es ist wirklich schön, solch ein treues Wesen an seiner Seite zu haben – und mitanzusehen, wie es sich von Tag zu Tag entwickelt und seine Ängste abbaut – und Vertrauen aufbaut.
      Liebe Grüße – vielleicht erfüllst Du Dir bald Deinen Wunsch?
      Dori

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